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Mittwoch, 09. Februar 2011
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Benjamin Pankow : Gewerkschaftlicher Geburtshelfer

Dortmund, 08.02.2011, Anja Schröder
Wie er so ist, dieser Benjamin Pankow? In erster Linie: intensiv. Niemand, der für halbe Sachen taugt. Zielgerichtet. Für Umwege zu haben – aber nur, wenn sie der Sache dienen. Denn dass das Leben nicht immer schnurgerade verläuft – wer wüsste das besser als er? Und dass so manche Tarifverhandlung eine schwierige Geburt ist? Den hier kann das nicht schocken. „Wir müssen die Menschen da abholen, wo sie stehen. Manchmal eben ganz unten. Und da war ich auch schon“.
Der Mann mit dem umverteilten Haarschmuck – unten üppig, oben sparsam – ist Gewerkschaftssekretär der NGG (Nahrung-Genuss-Gaststätten), und zwar keiner mit klassischem Werdegang. Aber einer, der Dinge ungeschminkt beim Namen nennt: „Mir hat mal jemand gesagt, dass ich zwei Sprachen spreche. Deutsch und Direkt“. Nicht in jeder Situation ein Kompliment, das ist ihm klar. Aber: „Mir fällt es oft leichter, um Entschuldigung zu bitten, als um Erlaubnis zu fragen“.
Keine schlechte Einstellung für einen, der sich zum Sprachrohr macht für diejenigen, deren Stimme nicht laut genug ist, um rechte einzufordern. Die Tarifverhandlungen in der Systemgastronomie sind ein Thema – „Da arbeiten Leute Vollzeit und können nicht davon leben“. Ausbildung, Ausbeutung, Sonntagsarbeit... „Diese Angst vor Hartz IV, die ist so gnadenlos“, schüttelt sich der 39-Jährige. „Da sitzt einer, der seit 2008 keinen Urlaub mehr gehabt hat, und der sich schämt, danach zu fragen.“ Oder ein Fleischer, der 331 Stunden im Monat malocht und dabei als Mensch gerade zugrunde geht... ,Wertschätzung’ – ein Wort, das in seinem Büro viel öfter falle als ,Zahlung’. „Klar haben wir einen juristischen, einen politischen Auftrag. Aber wir sind auch Seelsorger“.
Womit Pankow die Kurve kriegt zu seinen jungen Jahren und dem ursprünglichen Berufswunsch: Missionar. Kirche nämlich, reißt er kurz eine unschöne Kindheit an, „war für mich Heimat.“ Den Missionsaufenthalt in Kamerun sparte er sich zusammen. In der Näherei. Sie merken: zu schade ist er sich für nichts. In Kamerun: Buchhaltung für einen Sozialverein, Englischunterricht, Ganztagsbetreuung, Missionsarbeit mit Prostituierten. Bis zu diesem Morgen, als bei seiner Kollegin die Fruchtblase platzte. Lassen Sie sich diese Geschichte mal selbst von ihm mit all ihren schillernden Einzelheiten erzählen. Die Taxi-Fahrt ins Krankenhaus, die 3000 Franken Vorschuss. Die Erstausstattung, die der damals 19-Jährige auf dem Markt zusammenkaufen musste, angefangen von Jutefasern, um die Nabelschnur abzubinden... Dann war kein Geld mehr da. Kein Geld, kein Arzt. Aufmunternder Tipp einer Schwester: „Sie kriegen das hin“. Der Kreißsaal. 20 Frauen. Und alles, wovon ein 19-Jähriger nun wirklich keine Ahnung hat. „Ich hatte riesige Angst“. Langer Rede, kurze Geburt: der große brachte den kleinen Benjamin auf die Welt. Und hatte sich wohl so dumm nicht angestellt: Gleich anschließend bot ihm ein Arzt einen Job als Geburtshelfer an. 72 Kinder brachte der nette „Tonton“ (Onkel) in einem Jahr auf die Welt – und es waren nicht nur schöne Momente. „Da“, sagt Pankow, „habe ich fürs Leben am meisten gelernt“.
Wie es wohl gelaufen wäre, wenn er nicht zurückgerufen worden wäre? Achselzucken. Zukunft liegt im Blick nach vorne. Daheim, der nächste Einschnitt: Pankow verliebte sich. In einen Mann. „Auf einen Schlag war ich heimatlos“. Entwurzelt. Seine Kirche hatte keinen Platz mehr für ihn. Seither, sagt er emotionslos, „betrachte ich Kirche und Glauben getrennt“.
Er jobbte. Tagsüber in der Gastronomie, nachts an der Tankstelle. Arbeitete Vollzeit als Kellner. Ging bei einem Autohersteller ans Fließband. Und wurde hier zum Betriebsrat gewählt. Den Rest können Sie sich denken. Dass sein Arbeitgeber nicht die IG Metall, sondern die NGG wurde? Wie gesagt, für halbe Sachen ist er nicht zu haben.
Oder doch? Wie man sich in einer Gesellschaft ohne Arbeit definieren soll und wird? Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Themen, die auch ihn umtreiben. Ganz persönlich. Deshalb ist er wohl einer der wenigen Gewerkschaftssekretäre, die Teilzeit beantragt haben.